| |
Im Unterschied zum üblichen Galeriebetrieb, in dem zeitlich benachbarte Ausstellungen thematisch meist deutlich voneinander abgehoben sind, gibt sich die Galerie Kalt Jahresthemen. An diesen Leitfäden orientiert sich dann das Veranstaltungsprogramm. So kann ein Thema in seinen unterschiedlichen Aspekten ausgelotet werden. Sich aus ihm ergebende Folgen und Weiterungen können Berücksichtigung finden. Dabei überschreitet die Galerie auch gerne die herkömmlichen Grenzen der Kunstgattungen und Veranstaltungsformen.
Nachdem sich die Galerie zuletzt vor allem mit koreanischen Künstlerinnen und Künstlern befasste und einen Blick auf Erscheinungsformen der Street Art geworfen hat, reflektiert die Galerie in diesem Jahr intensiv ihre eigene Ortsbezogenheit im Münchner Westend. Das Westend ist ein Münchner Stadtteil, der sich bisher weitgehend dem Trend der Aufhübschung und Veredelung entziehen konnte. Bezahlbare Wohnungen, Atelier- und Geschäftsräume haben eine in anderen Stadtquartieren Münchens so nicht mehr auf zu findende Vielfältigkeit urbanen Lebens und Arbeitens entstehen lassen.
Dieser Mannigfaltigkeit lokalen Lebens sowie der dabei zu beobachtenden wechselseitigen Durchdringung von Kunst und Alltag gibt die Galerie im Rahmen ihres Jahresthemas Westend einen zusätzlichen Resonanzraum. Im Mittelpunkt steht dabei mit Lothar Götter eine für das Westend typische Künstlerpersönlichkeit. Lothar Götter hat nicht nur im Westend sein Atelier, er lebt zusammen mit seiner Familie auch seit Jahren im Stadtteil.
Lothar Götter, Jahrgang 1954, an den Kunstakademien in Mainz und München bei den Professoren Hemrich, Paolo Paolozzi und Hans Baschang ausgebildet, benennt seinen Ausstellungszyklus in der Galerie Kalt mit der Begriffstrias „Holz–Heimat–Haupt“. Im ersten Teil (17. Februar bis 22. März 2011) nimmt der Künstler die Natur in den Blick an Hand eines ihrer Rohstoffe, des Holzes. Auf Holz kann man nicht nur malen, es als Bildträger nehmen, sondern es gilt auch das Holz zu malen, was sich als einfache, aber schwer zu machende Sache erweist. Im Mittelteil der Trilogie, dem Lothar Götter den witzig-vieldeutigen Titel „Heimatschland“ gegeben hat, beginnt sich der Künstler vom Wald und seinen „Sinnlichkeitstiefen“ loszureißen. Der schillernde Begriff der Heimat kommt auf den malerisch-lyrischen Prüfstand. Im Schlussteil „Das Gesichtsbuch“ fordert Lothar Götter Freunde, Bekannte, Westend-Bewohner und Galeriebesucher auf, ihm auf Zeit ihr Gesicht zu leihen. Mit der Hand wird der Künstler die Gesichter in Zeichnungen verwandeln. Durchaus polemisch setzt sich der Künstler mit körperlicher Anstrengung und sinnlicher Präsenz dabei von jenem virtuellen Spiel ab, das auf den Namen „Facebook“ hört und dem die jüngere Generation erkleckliche Teile ihrer freien Zeit opfert.
Im Jahr 2012 wird die Galerie ihre Aufmerksamkeit besonders der tschechischen Gegenwartskunst widmen. Trotz relativer geografischer Nähe ist die Kunstszene des Nachbarlandes in Deutschland und in Bayern fast unbekannt geblieben. Die Galerie wird hier Aufklärungsarbeit und konkrete Anschauung Hand in Hand gehen lassen. Tschechische Künstler werden für die Galerie raumbezogene Ausstellungskonzepte entwickeln. Denn die Galerie legt bei ihren Ausstellungen stets Wert darauf, dass die Galerieräume selbst, also deren spezifische Örtlichkeit, in der Präsentation mitreflektiert wird oder als installatives Element in die Projekte eingebunden werden.
Die Gegenwartskunst bewegt sich zwischen den Polen des Lokalen und Globalen. Die Anbindung an die lokalen Szenen garantiert Bodenhaftung und Glaubwürdigkeit, die Ausrichtung am Globalen schafft Kontakte, sorgt für Bekanntheit und internationale Vernetzung. Mit ihrer Situierung im Westend und seiner Kunstszene nimmt die Galerie diese Bedeutung des Lokalen ernst. Die Galerie versöhnt das Lokale mit dem Globalen, indem sie örtliche mit internationalen Künstlern zusammenführt, so dass Neues, Ungewohntes entstehen kann. Die Dialektik von innen und außen, von Zugehörigkeit und Ausgeschlossensein wird aufgebrochen und produktiv gewendet. In diesem Sinn arbeitet die Galerie mit anderen Galerien und Institutionen zusammen und vertritt ihre Künstler global auf internationalen Messen.
Rüdiger Heise |