Das Projekt




"Sprichwörter, entfesselt: Wind, Wolke und Drache"

Nina Kalt – Patrik Hábl - Jinyoung Lee
21.07.2017 - 14.01.2018
Eröffnung: 20.07.2017 um 19:00 Uhr

Gemälde-Auswahl (PDF-Download)


Wohin ein Sprichwort und eine Ausstellung führen können ...

Zur Ausstellung „Der Wind führt die Wolke, die Wolke führt
den Drachen“

Malend umkreisen die Künstlerinnen Nina Kalt und Jinyoung Lee sowie der tschechische Maler Patrik Hábl ein koreanisches Sprichwort. Die Ausstellung ist die zweite Präsentation im Rahmen der Trilogie „Sprichwörter, entfesselt“. Im Herbst vergangenen Jahres begann es mit den Arbeiten zu „Wo Licht ist, ist auch starker Schatten“, im Sommer 2017 folgen jetzt die Gemälde zu dem Sprichwort, das Jinyoung Lee aus Kwachon in der Nähe der südkoreanischen Hauptstadt Seoul zu dem transkontinentalen Projekt beigesteuert hat. Im Unterschied zu Nina Kalts Sprichwort, das dualistisch und polar angelegt ist, haben wir es jetzt mit einem dreigliedrigen Satz zu tun, der drei Begriffe zueinander in Beziehung setzt. Die Begriffe Wind und Wolke sind dabei unstrittig dem Bereich der Naturphänomene zuzuordnen. Beim dritten Begriff, dem des Drachens, verhält es sich komplizierter. Als Drachen sehen sich tierische Wesen, Reptilien vor allem, vom Menschen bezeichnet, die ihm Angst einflößen wegen ihrer Größe, Gefährlichkeit und Kraft. Der Drache bezeichnet ein Wesen der Gegenwelt, das der Mensch nicht beherrscht und vor dem er sich in Acht nehmen muss. Dabei sind allerdings kulturelle Unterschiede zu beachten. Während der Drache in den ostasiatischen Kulturen positiv gesehen wird als Symbol für Glück und Macht in ihrem befreienden, etwas ermöglichenden, Wünsche erfüllenden Aspekt, überwiegt in der europäischen Tradition die Vorstellung vom gefährlichen Lindwurm und feuerspeienden Drachen aus Märchen und Heldenepos, dem nur der Held und auch er lediglich mithilfe listiger Tricks beizukommen vermag.

Es gibt aber noch eine andere freundlichere Lesart des Drachens, die ihn als Produkt des Homo Faber ausweist, der Drache als Kinderspielzeug und als Flugobjekt. In dem Spannungsverhältnis von Spielzeug und Flugobjekt wird zudem ein unmöglicher Urwunsch des Menschen angesprochen und bearbeitet: der Wunsch, selbst fliegen zu können wie ein Vogel, d.h. ohne sich dabei gewisser Apparate zu bedienen. So verstanden kommt dem Fliegen für den Menschen auch weiterhin utopisches Potenzial zu. In den ausgestellten Leinwandgemälden findet sich dieser Wunsch, da die beteiligten Malerinnen und Maler gegenstandsbefreit arbeiten, nicht bebildert, sehr wohl aber verweisen Farben und Formen auf Konnotationen und generell Unabgeltbares dieser menschlichen Wunschillusion. Der häufige Gebrauch der Farbe Blau, die wir mit dem Himmelsazur verbinden, fällt auf. An die allen Gesetzmäßigkeiten der Symmetrie spottenden Formen von Wolken erinnern manche Binnenformen in den Bildern selbst. Die Helligkeit in den Farben Jinyoung Lees kann man als Verweis auf die Aufhebung von Erdenschwere verstehen, die sich ergibt, wenn Wind, Wolken und Drachen ihre Spiele im freien Luftraum aufführen und der betrachtende Mensch dazu sehnsuchtsvoll aufblickt. In Nina Kalts und Patrik Hábls Beiträgen schlägt das ambivalente Verhältnis, das in Europa die Erwähnung des Drachens hervorruft, immer wieder durch. Wolken können auch dunkel sein und die Welt des Drachen sieht zumindest in Patrik Hábls Vorstellungen sehr faltsymmetrisch aus. Letzteres lässt sich auch in Anspruch nehmen für die Art und Weise, wie Drachen als Flugobjekte gebaut und hergestellt werden, zumindest in Europa, das sich schwer damit tut, den Drachen als bunten, freien und lichten Gaukler zu sehen. Über den Wind, die Wolke und den Drachen lässt sich, wie wir merken, noch vieles sagen und in ihnen sehen. Es ist erst ein Anfang gemacht. Jetzt liegt es an uns, diesen Anfang zusammen mit den Bildern zu überschreiten.

Rüdiger Heise


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"Sprichwörter, entfesselt: Licht und Schatten"

Nina Kalt – Patrik Hábl - Jinyoung Lee
16.09.2016 - 15.01.2017
Eröffnung: 15.09.2016 um 19:00 Uhr

Gemälde-Auswahl (PDF-Download)

Einführungsrede von Rüdiger Heise zur Ausstellung
„Licht und Schatten" am 15.09.2016 (PDF-Download)



Die Ausstellung „Licht und Schatten“ ist die erste von drei Präsentationen im Rahmen des Kunstprojekts „Sprichwörter, entfesselt“. Beteiligt daran sind die Malerinnen Jinyoung Lee aus Seoul und Nina Kalt aus München sowie der Maler Patrik Hábl aus Prag. Gemeinsam ist den Dreien, dass sie losgelöst von den Gegenständen malen.

Stehen bei Jinyoung Lee und Nina Kalt die Farben in ihrem Eigenwert, freilich in Abhängigkeit von den verschiedenen kulturellen Kontexten Ostasiens und Europas, im Mittelpunkt des Interesses, so sind es bei Patrik Hábl die Materialitäten von Farben und Bildträgern. Die Interaktion von Farben und Trägermaterialien, seien es Leinwände oder verschiedene Papierarten, untersucht der Künstler bereits seit vielen Jahren mit stets wachsender Akribie. Die beiden Malerinnen verstehen sich eher als Balancierkünstlerinnen, deren Aufgabe darin zu suchen ist, die farblichen Valeurs mit den Binnenformen im Bild in ein Gleichgewicht zu bringen.

Was hat es nun aber mit den Sprichwörtern auf sich? Die drei Kunstschaffenden arbeiten schon seit vielen Jahren zusammen. Bei einer vorherigen Ausstellung unterbrachen Poeme und Strophen des tschechischen Dichters Miroslav Holub die Bilder und traten mit ihnen in geheimnisvolle Beziehung. Aus dieser Konstellation heraus wurde die Vorstellung geboren, einmal textliche Produkte des kollektiven, gleichwohl anonymen Bewusstseins zum Ausgangspunkt des je eigenen Malens zu nehmen. Sprichwörter sind solche Produkte, in denen lang erworbene Weisheiten und Erfahrungen sich zu einer kurzen sprachlichen Formel versammelt und verdichtet haben. Die drei Malenden suchten sich jeweils ein Sprichwort aus. Die drei, sich aus diesem Suchen und Finden herleitenden Sprichwörter wurden dann von allen Dreien für sich allein einem malerischen Gestaltungsprozess unterzogen. Jeder setzte sich also künstlerisch mit seinem eigenen und den Sprichwörter der beiden anderen auseinander.

Diese erste Ausstellung zeigt nun Arbeiten, die sich mit dem Sprichwort verbinden, das Nina Kalt ausgesucht hatte. Ausformuliert lautet es: „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.“ Dieses sich in den Kulturen vieler Völker in unterschiedlichen Akzentuierungen wiederfindende Sprichwort hat es sogar in die dramatische Hochkultur geschafft: Es taucht als Figurenrede in Johann Wolfgang von Goethes frühem Schauspiel „Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand“ (1773) auf. Es liegt auf der Hand, dass sich dieses Sprichwort gut für eine Umsetzung ins Malerische eignet und zugleich auch als Inspirationsquelle für Ausflüge ins bildnerisch Ungewohnte, Überraschende und sogar Unbekannte über vielfältiges Potenzial verfügt. Das Zauberwort heißt dabei Kontrast. Doch wie drückt sich das auf dem magischen Viereck der Leinwand aus? Ist der härteste Kontrast zwischen Schwarz und Weiß – zwei Nichtfarben eigentlich – auch der stärkste? Müssen die Farbkontraste nebeneinander liegen oder wie weit dürfen sie sich voneinander entfernen, um wirksam zu sein. Wie schnell gelingt es, sich von dem moralischen Unterton, der sich in unserer Kultur mit diesem Sprichwort verbindet, zu emanzipieren? Wie verhält es sich mit dem Kontrast des metaphorisch Lichten und Schattigen im Reich der Formen? Kann man die Polarität von Licht und Schatten ins Runde und Eckige übersetzen, ins Stetige einer geraden Linie und ins Unstetige eines mehrfach gekrümmten Kurvenverlaufs? Solche und anderen Phänomene mag ein Jeder bei dem Betrachten der Bilder in der Galerie nachsinnen. Der Lösungen sind viele, einen Königsweg gibt es nicht.

Rüdiger Heise

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"Westend–Holešovice–Kwachon"

Nina Kalt – Patrik Hábl - Jinyoung Lee
19.06.2015 - 31.01.2016

Ausstellungs-Impressionen (PDF-Download)


Blickwechsel

Zur neuen Projektphase von „Holešovice – Westend – Kwachon“

Für die dritte Stufe des Langzeitprojekts Holešovice – Westend – Kwachon“ erweitert sich die Zahl der Beteiligten auf ein Quartett. Bei dieser hier zu beschreibenden Konstellation herrscht Geschlechterparität: den zwei Malerinnen aus Korea und Deutschland stehen ein Maler und ein Lyriker aus Tschechien zur Seite. Das im Bildmedium zu verfolgende Gespräch befasst sich mit dem Blickwinkel der Malerei auf das, was wir Wirklichkeit nennen. Posthum nimmt der Lyriker Miroslav Holub (1923-1998) mit Gedichten, in denen sich die poetische mit der wissenschaftlichen Sichtweise auf die Dinge durchdringt, an dem malerisch-literarischen Quartett teil. Lyrik und Malerei teilen den Vorrang eines gestischen Verstehens vor den semantischen Bedeutungen.

In der zweiten Projektphase verständigten sich Nina Kalt und Jinyoung Lee darauf, im Sommer 2014 gemeinsame Bilder in Nina Kalts Atelier im Münchner Westend zu malen. Sie experimentierten dabei mit europäischen Farbpigmenten und Japan-Pigmenten, die Jinyoung Lee mitgebracht hatte. Die Ergebnisse dieses transkontinentalen Workshops veränderten die Malweise und die Farbauffassung der beiden Künstlerinnen. In der jetzigen Ausstellung zeigen die Malerinnen Bilder, die nach diesem Gemeinschaftserlebnis, wieder getrennt voneinander, in München und Kwachon entstanden sind. An die Seite der Gemälde von Jinyoung Lee und Nina Kalt treten in der Ausstellung neue Arbeiten von Patrík Habl, in denen er auf seine Weise die Farbintensität steigert und neue Herstellungsverfahren ausprobiert.

In Nina Kalts Malerei hat sich unter dem Eindruck des gemeinsamen Malens mit Jinyoung Lee das grafisch-geometrische Moment zugunsten eines stärker gestischen Malens aufgelockert. Runde, kreisende Formelemente haben Einzug in ihre Bilder gehalten. Ihre Palette hat sich merklich aufgehellt. Sie greift zu kühnen Kontrasten aus Hellblau und Gelb oder Orange. Jinyoung Lee hat in ihren neuen Bildern fast komplementär auf die Münchner Erfahrungen aus dem Sommer 2014 reagiert. Ihr ist der Durchbruch zu größeren Binnenformen gelungen, die ihren zeichenhaft-symbolischen Charakter verloren haben. Sie bedient sich volltönigerer Farben, die ihren Bildern eine andere Entschlossenheit und Kraft verleihen. Das Spielerische hat sie im Gegenzug etwas zurückgenommen. Sie bevorzugt jetzt den ebenso kraftvollen wie effektsicheren Auftritt. Patrík Habl wendet das ihm so vertraute Verfahren der Monotypie auf Leinwandarbeiten an. Formal kommt es bei ihm zu einer Wiederbelebung angedeuteter Figuralität. Er spielt mit dem Sakralen. Schemenhaft sind ein Madonnengesicht oder die Konturen eines Engels zu sehen. Die sich vertikal aufbauenden Bilder variieren das aus der vorherigen Projektstufe bekannte Leitthema der Bergwelt.

Vor allem hervorgerufen durch das Gedicht „Unterm Mikroskop“ von Miroslav Holub steht diese dritte Projektphase unter dem Leitthema des Blick- und Perspektivenwechsels. Der Wechsel zwischen mikroskopischem und makroskopischem Sehen prägt wissenschaftliches wie künstlerisches Arbeiten. Das Sehen an sich ist bereits ein schöpferischer Akt. Ohne die Arbeit der Einbildungskraft bliebe es blind. Zudem eint Bildkünstler und Wissenschaftler die Vorliebe für Genauigkeit beim Sehen. Zwei der beteiligten Kunstschaffenden haben neben ihrem künstlerischen Werdegang auch eine naturwissenschaftliche Ausbildung durchlaufen. Miroslav Holub wirkte als Immunologe, Nina Kalt hat Mathematik und Chemie studiert. Ein historisches Moment des Blickwechsels bringt im Übrigen Franz Schiermeiers im Herbst 2014 erschienener Westend-Führer in das Projekt ein. Er erinnert daran, dass bis zum Brand im Oktober 1915, also vor 100 Jahren, das Westend Standort eines großen, viele Zuschauer anziehenden Panoramas gewesen ist.

Rüdiger Heise

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"Westend – Kwachon"

Nina Kalt – Jinyoung Lee
07.11.2014 - 30.05.2015

Gemälde-Auswahl (PDF-Download)


"Westend – Kwachon"

Zwei Malerinnen fassen einen Entschluss: Wir wollen gemeinsam Bilder malen. Dieser Moment ist die Geburtsstunde des Projekts „Westend – Kwachon“. Das Projekt versteht sich als ein interkontinentales Unterfangen. Europa trifft auf Ostasien. Zwei Stadtteile – das Münchner Westend und Kwachon, eine Stadt innerhalb der Megacity Seoul auf der koreanischen Halbinsel – befruchten sich wechselseitig. Den beiden Stadtteilen ist gemeinsam, dass beide ganz real oder metaphorisch ein enges Verhältnis zur Bergwelt unterhalten. Die beiden Künstlerinnen – Jinyoung Lee aus Kwachon und Nina Kalt aus München – teilen eine andere Gemeinsamkeit: Sie drücken sich in ihren Arbeiten nichtgegenständlich, abstrakt aus. Die beiden Stadtteile finden sich in ihren Werken also nicht gegenständlich oder auf eine realistische Weise widergespiegelt, sondern anders, auf gewissen Umwegen, im buchstäblichen Wortsinn metaphorisch, im übertragenen Sinn dargestellt. Gemeinsame Bilder zu malen, erwies sich für beide als eine nicht geringe Herausforderung. Es galt zwei unterschiedliche individuelle Farbwelten miteinander in produktiven Kontakt zu bringen. Nina Kalts großflächige Binnenformen in gedeckter, aus der Tiefe glühender Farbigkeit galt es mit Jinyoung Lees kleinteiligen Binnenformen von aufgehellter, glänzender Koloristik zu „verschwistern“. Die überraschenden Ergebnisse dieses sommerlichen Workshops in München können in der Ausstellung besichtigt werden. Die Präsentation folgt in ihrer Ablaufslogik einem aus der Musik entlehnten Formmodell – dem klassischen Sonatenhauptsatz aus Themenexposition, Durchführung, Variationsteil und der die Elemente neu kombinierenden, wie auch wiederholenden Reprise.

Um die Ausstellung zu einem Gesamtkunstwerk zu erweitern, treten zu den Bildern, entstanden aus einem, metaphorisch gesprochen, musikalischen Geist, Gedichte des tschechischen Lyrikers und Essayisten Miroslav Holub (1923-1998) hinzu. Die drei Gedichte aus unterschiedlichen Schaffensphasen des Künstlers und Immunologen Miroslav Holub sind in der Präsentation in deutscher Übertragung, also nicht in ihrer Entstehungssprache, lesbar und erlebbar. Die Auswahl nahm Miroslav Holubs Sohn Radovan vor. Holubs Verfahren, Gegenstände und Erlebniswelten in Wörtern und Sätzen zur Sprache kommen zu lassen, steht in Analogie zum Verfahren der beiden Malerinnen. Das Konkrete einer Umgebung – die beiden Stadtteile als Lebens- und Arbeitsumwelt – wird in das nichtgegenständliche Bild übersetzt – von der Physis und Physik kommt es zur Transformation in die Meta-Physik.

Rüdiger Heise



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"Westend – Holešovice"

Nina Kalt – Patrik Hábl
25.10.2013 - 04.10.2014

Bericht zur Ausstellungseröffung
und Einführung durch Rüdiger Heise (PDF-Download)



Wechselwirkungen oder wie die Malerei vom Film lernt

Die Feststellung, dass ein Film in malerischen Bildern schwelge, begegnet einem regelmäßig in Filmkritiken. Die konträre Behauptung, dass die Malerei sich filmischer Mittel oder Techniken bediene, findet sich hingegen kaum. Deshalb darf ein Münchner Ausstellungsprojekt, das sich neben anderen Aspekten gerade auch diesem Problem widmet, auf das Interesse all derjenigen hoffen, die sich für gattungsübergreifende Fragestellungen in den Künsten interessieren. Drei Künstlerpersönlichkeiten aus der Tschechischen Republik und Deutschland stellen in der Galerie Kalt Werke zur Diskussion, die sich mit den Wechselwirkungen untereinander, mit der Nutzung filmischer Verfahren für die Malerei und Installationskunst sowie mit den Produktions- und Lebensbedingungen in zwei Stadtteilen – dem Münchner Westend und dem Prager Holešovice – befassen.

Seinen Ausgangspunkt nahm das Projekt von einer spielerisch aufgefassten Experimentalkonstellation einer Malerin und eines Malers. Beide agieren auf dem Feld gegenstandsbefreiter Farbmalerei. Was passiert, wenn man, vom farblichen und gestischen Gewand des je anderen beeinflusst, beginnt zu malen? Kann ein solches Experiment gelingen, ohne dass die Bilder an Individualität einbüßen? Wie umschifft man die Gefahren der Kopie und des fantasiefreien Plagiats? Nina Kalt und Patrik Hábl war zudem schnell klar, dass sie sich bei diesem Versuch, sollte er gelingen können, auf einige feste Parameter einigen müssten. Sie kamen darin überein, auf Papierbahnen, nicht aber auf Leinwand zu malen. Auch stimmten Malerin und Maler die Farbräume ab, in denen sie sich zu bewegen gedachten. Thematisch beziehen sich die Arbeiten auf die beiden Stadtteile Holešovice in Prag und das Westend in München, die für Nina Kalt und Patrik Hábl mit hoher persönlicher Bedeutsamkeit aufgeladen sind. In den Bildern findet der Betrachter natürlich allein schon wegen der gegenstandsfreien Malerei der beiden keine Motive aus den Stadtteilen wieder, wohl aber deren durch die je individuelle Wahrnehmung gefilterte Stimmung und Atmosphäre. Als Dritte im Bunde begleitet Patrik Hábls Partnerin Anna Háblová das Projekt. Als ausgebildete Architektin und Installationskünstlerin legt sie ihr Schwergewicht auf die strukturellen Ähnlichkeiten beider Örtlichkeiten und arbeitet diese heraus.

Die in den Galerieräumen gezeigte Gesamtinstallation lässt die Unterschiede in den Herangehensweisen der beiden Malenden deutlich hervortreten. Nina Kalt hat auf ihren Papierbahnen monochrom begonnen, um dann in einem additiven Verfahren Farbfelder vor diesen Hintergrund zu setzen. Ihre Bilder zeigen einen deutlich definierten Willen zum Werk, d. h. zur Gestalterfahrung eines vollendeten Bildes, dem nichts fehlt, das aber vor allem auch nichts Überflüssiges oder Notwendiges enthält. Einige ihrer Bilderfindungen weisen eine betont vertikale Orientierung auf. Bei Patrik Hábls Werken steht am Beginn ein kräftiger Farbauftrag, der dann im Fortgang des Arbeitsprozesses abgeschwächt, heruntergedimmt oder ausgewaschen wird. Die Bewegungsrichtung in seinen Papierarbeiten greift zunächst ins Horizontale aus. Es entsteht ein Bildstreifen, eine fortlaufende Papierrolle, die an einen Filmstreifen monumentalen Ausmaßes erinnert. Auf dieser Grundlage kommt es dann zu Ausarbeitungen und Verdichtungen in der Vertikalen. Für die Präsentation zerschneidet der Maler seine Papierbahn und wendet hier genau jenes für den Film konstituierende Verfahren an. Alternierend werden seine Bildpartien mit denen von Nina Kalt „montiert“. Im Unterschied zum Kino ist die Malerei keine Zeitkunst. Anna Háblovás Beitrag bringt das Zeitelement in die Galerieinstallation hinein. Aus dem Bilderpool des Internets hat sie Bildmaterial über das Westend und Holešovice gezogen und einer eingehenden Bearbeitung unterworfen. In einer Projektion ziehen diese Bilder am Betrachter vorbei. Der Trick besteht darin, dass die Künstlerin die Bilder in verschiedenen Geschwindigkeiten präsentiert, was ihrer Bildschau Rhythmus und eine Ahnung von Musikalität verleiht.

Rüdiger Heise



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